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Bessans 2007, der Europacup

Das Biathlonstadion von Bessans

Samstag, den 10. März: Nachts mache ich mich auf dem Weg nach Bessans, wo der vorletzte Europacup stattfindet. Nach einer Autobahnfahrt und dem einen oder anderen Zwischenfall, deren Berichterstattung sich erübrigt, beginnt das Tal von Haute-Maurienne in Savoyen. Ab Modane machen zahlreiche Werbebanner, die immer dichter werden, je mehr man sich dem Ziel nähert, die Bevölkerung und die Besucher auf die Veranstaltung aufmerksam. Als ich Sollières-Sardières durchfahre, denke ich natürlich an Pauline Macabies, die dieses Wochenende in Oslo ist und an ihre Mutter Anne-Marie, die ich sehr bald wieder sehen werde ! Im "Maison du ski" von Lanslebourg-Val Cenis hole ich meine Presse-Akkreditierung ab. Jetzt gehöre ich zum erlauchten Kreis der "VIP" ! Selbst der Fürst von Savoyen wäre nicht mit mehr Rücksicht empfangen worden : man vergewissert sich, dass ich eine Unterbringung finden konnte, gibt mir meinen Ausweis für die reservierten Zonen sowie einen Rucksack voller verschiedener Dokumente und Geschenke. Das reicht vom Opinel, dem berühmten, im Tal hergestellten Taschenmesser, bis zu einem Stück Beaufort, dem renommierten Käse, das mich nicht beunruhigen soll, "da es vakuumverpackt ist" sagt mir die holde, zum Gästeempfang vorgesehene Mitarbeiterin. Dem halte ich entgegen, dass ich als Freiburger dadurch nicht sonderlich gestört wäre, hätte es der Fall sein sollen. Ich weiss nicht, ob ihr mit diesem Kommentar groß geholfen ist, aber immerhin lächelt sie unbeirrt weiter…Die Ebene von Bessans in Richtung Lanslebourg

Mit dieser zusätzlichen Ausrüstung bewältige ich die letzten Kilometer, die noch bis Bessans liegen : selbst als totaler Biathlonbanause wäre es unmöglich, die Veranstaltung nicht wahrzunehmen, so zahlreich sind die Werbebanner. Nachdem ich geparkt habe, trete ich in Kontakt mit der Stätte : eine riesige, von imposanten Berge eingegrenzte, gut verschneite Ebene, (noch in der Nacht hat es geschneit - Bessans, letzte Zuflucht des Winters…) : dass der Standort Potential für grössere Veranstaltungen hat, liegt auf der Hand. Im eigentlichen Stadion sind alle Versprechen gehalten : aufblasbare Tore, kleine Chalets als Empfangsbüros und Imbisbuden, Verfaufsstände (Käse und Rauchfleisch, sowie Funktionskleidung), Zuschauertribünen… Kleine Bauten am Eingang des StadionsSelbst wenn der Gurnigel (für den ein Umbauprojekt vorangetrieben wird) in puncto Landschaft in meinen Augen nicht zu toppen ist, setzt sich eine Wahrheit durch : Bessans verfügt über ernste strukturelle und organisatorische Trümpfe und stellt einen sehr bedeutenden Standort für nordische Wettbewerbe dar. Als ich die Leute, die ich schon in Antholz wieder gesehen hatte, treffe, kann ich nicht anders machen als mich zu wiederholen : wenn man will, kann man in Frankreich richtig Großes zaubern. Die Koordinierung und Zusammenarbeit der öffentlichen Hand von oben bis unten, inklusive der Armee erlauben die Verwirklichung erstaunlicher Dinge. Nicht zu vergessen, die zahlreichen ehrenamtlichen, an ihrer roten Jacke erkennbaren Helfer, die das Projekt initiiert und massgeblich umgesetzt haben und die lokalen Sponsoren. Von einer solchen Mobilisierung und einer solchen Detailpflege verblüfft, erfahre ich, dass dieser Europacup auch dazu dienen soll, den Dispositiv Bessans zu probieren und sozusagen den Ernstfall zu üben. Wobei die Eingeweihten verstehen werden, dass unter "Ernstfall" ein Weltcup angedeutet ist.

Inmitten allen das, fällt eine unscheinbare Hütte gar nicht auf. Daher versteht man zunächst nicht recht, was mit der Aufforderung, " in den Tunnel zu gehen ", eigentlich gemeint ist… es stellt sich aber heraus, dass die besagte Hütte… jawohl, tatsächlich den Eintritt einer unterirdischen PassageEingang des Tunnelsversteckt, die unter dem Start-Ziel Areal verläuft und eine erleichterte Verbindung zwischen den Wachskabinen und dem Schiessstand ermöglicht und auch noch als Materiallager funktionieren kann. Hätte ich nicht während meiner militärischen Tätigkeiten schon eine solche Vorgehensweise gesehen, wäre ich endgültig baff gewesen.

Alles wäre zum Besten, hätte sich ein größeres Publikum hier oben eingefunden. Es heißt, die Leute des Mauriennetals seien Reisemuffel… Nicht einmal die Tribüne ist voll, angesichts der unternommenen Anstrengungen und der Qualität der versammelten Athleten ein recht mageres Ergebnis. Schließlich ist es nach dem Niveau Weltcup die höchste Leistungsstufe : mancher anwesende Biathlet war schon mal oder wird einmal in der obersten Liga mitmischen… Unter diesen sind die Franzosen natürlich in großer Anzahl vertreten, von den Deutschen gefolgt ; auch Schweizer sind da, und zwar keine Schlechten, wie sich zeigen wird. Obwohl man im Langlauf hinsichtlich der Exotik bereits alles gesehen hat, mit z.B. einem Kenianer und einem Äthiopier am Start der Weltmeisterschaft, darf man diese nicht ausführliche Aufzählung nicht beenden ohne die Anwesenheit eines… Brasilianer zu erwähnen ! Die Sprintrennen der Herren am Morgen gewinnen das Schweizer Duo Thomas Frei- Claudio Böckli und der Franzose Alexis Bœuf bei den Junioren.Im Zelt

Nach einer guten Lasagne, die unter dem Zelt serviert worden ist und zwar mit einer Zügigkeit, an der sich die Antholzer ein Beispiel nehmen können, sind die Damen und die Mädchen dran. Das Wetter ist herrlich. Sabrina Buchholz lässt sich nicht vom Stadionsprecher aus der Bahn bringen, welcher partout versucht, ihr einen neuen Namen zu verpassen (nach Wahl und je nach momentaner Inspiration, " Burcos " oder " Buklôze " und sichert sich den Sieg vor Kiki Gros. Bei den Juniorinnen landen nicht Marine Rougeot, Marie-Laure Brunet, Marion Blondeau, Marie-Laure Soulié, Sophie Boilley und Marine Dusser weniger als sechs Französinnen auf die vorderen Plätze, mit Marie-Laure Brunet, Marion Blondeau und Marine Rougeot auf dem Podium.

Das Ende dieser Rennen bedeutet noch lange nicht, dass alles fertig ist, denn das Rahmenprogramm sieht etwas interessantes vor : einen kleinen Crash-Kurs im Luftgewehrschiessen unter der fachkundigen Leitung von Xavier Blond, ehemaligem Mitglied der französischen Mannschaft und seiner Gehilfen. Neun Schießbahnen zu überwachen, wo sich jederzeit ein Zwischenfall ereignen kann ist schon eine ziemliche Herausforderung, doch alles lief wie am Schnürchen und alle haben an dieser Schnupperlehre, die es erlaubt hat, die Schwierigkeit des Biathlonsportes zu messen, ihren Spaß gehabt.Jeder durfte schiessen

Am Sonntag stehen die immer sehr spektakulären Verfolgungsrennen an. Auch wenn uns die Sonne ein bisschen weniger lacht, hat sich diesmal ein zahlreicheres Publikum die Mühe gegeben : dieses kann anhand der Erläuterungen des in Bezug auf die Aussprache der Familiennamen (ob heimisch oder ausländisch, übrigens) weiterhin sehr einfallsreichen Stadionssprechers die Wettbewerbe sehr gut verfolgen. Wobei es nicht darum geht, den Verdienst des Mannes mit dem Mikrofon zu minimieren, zu sehr ließ ihn dazu die musikalische Begleitung, die aus Panflöte und irischer Geige bestand, im Stich. Das war wohl der einzige Fehltritt der sonst makellosen Savoyer Organisation. Der Schweizer Roland Zwahlen zeigt eine durch und durch weltcupmässige Leistung und holte sich den Sieg dank lediglich 2 Fehlern.

Maurice Bailly, Samuel, Marie-Claire Bailly Als ich auf dem Weg zum Zelt bin, um meine "Tartiflette" zu fassen, verfehlt Jacqueline Jorcin nicht, mich Herrn Gonet, der ebenfalls Schweizer ist, vorzustellen. Mit dem blauen Priestergewand der IBU gekleidet, schlüpft dieser bald in die Rolle des Beichtvaters und fragt mich mit leiser Stimme, ob ich an die Schweizermeisterschaften von la Lécherette dabei war. Zerknirscht erkläre ich ihm, dass ich mich erst nach einem schmerzhaften Gewissenskonflikt dafür entschieden habe, zuhause zu bleiben, um die Rennen des Weltcups zu verfolgen. Von meiner Reue überzeugt erteilt er mir die Absolution, dank der ich mit reinem Gewissen Maurice und Marie-Claire Bailly, Sandrines Eltern , kennenlernen kann, welche meine Kolleginnen Anne und Karo sehr gut kennen, da sie ja bei ihnen einen Aufenthalt gemacht haben. Davon haben sie beste Erinnerungen und bitten mich dazu, sie von ihnen zu grüßen, was ich nicht zu machen versäumen werde.

Sabrina Buchholz, Kiki Gros, Carolin Hennecke Doch es ist soweit und die Verfolgungsrennen der Frauen stehen auf dem Programm. Der Wind hat aufgefrischt und verurteilt alle Teilnehmerinnen zu zahlreichen Strafrunden. Kiki Gros, die nach ihren beiden Liegendschiessen schon als siegessicher galt, muss wohl schwarz vor Augen geworden sein, nachdem alle 5 Schüsse des 1. Stehendschiessen daneben gingen ! Ein herber Rückschlag für diese Athletin, die am Ende dieses Monates an den Militär-Weltmeisterschaften teilnehmen wird, aber eine Köstlichkeit fürs Publikum, daher eine großartige Propaganda für den Biathlonsport ! Mit dieser Umverteilung hat plötzlich Sabrina… (siehe oben ;-) ) wieder bessere Karten und es ist ein himmlisches Vergnügen, den nur noch winzigen Vorsprung zu betrachten, den die großwachsene Französin vor dem Anpacken des Anstieges "des Manches", hat ! Die Deutsche wird schließlich noch einen Fehler mehr als die Frau aus le Bugey machen, was zu einem Tausch der Platzierungen 1 und 2 des Sprintrennens führen wird. Bei den Juniorinnen bleibt man unter Französinnen mit Sophie Boilley, die sich vom 9. auf den 1. Rang verbessern kann. Vor der stabilen Marion Blondeau,Marion Blondeau und Marie-Laure Brunet. Die Künstlerinnen ziehen sich bei " Barbie girl " zurück und man vermerkt den Termin der Sommerbiathlonweltmeisterschaften 2008 im Agenda.br>
Auf der Talfahrt nach Lanslebourg genieße ich ein letztes Mal die wunderschöne Aussicht auf la Haute-Maurienne ;und in einer Crêperie, die Paulaner Weissbier im offenen Ausschank bietet lese ich in der Zeitung L'Equipe nach, was für Heldentaten Raphaël Poirée in seinem letzten Weltcupeinsatz geleistet hat.





Talfahrt Richtung LanslevillardProsit Raph, prosit Bessans !!
Samuel Dougoud