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Annelise geht ihren eigenen Weg

September 2005. Genf. Es regnet. Annelise Bailly holt mich vom Flughafen ab. "Ich komme gerade vom Training, deshalb ist noch das ganze Zeug im Auto. Aber wir kriegen das Gepäck schon rein.".

So optimistisch, wie beim beladen ihres kleinen Peugeots ist sie nicht immer. Im Frühjahr hat sie ihre Biathlonkarriere beendet und sich entschieden beim Langlauf ihr Glück zu suchen "Ich hatte das Schießen satt. Es hat einfach nicht geklappt und ich war immer enttäuscht von mir.". Obwohl sie es ja schon 2001 zum Europameister im Einzel gebracht hat, sowie sieben Europacup-Podiums und zwei Bronze-Medaillen mit der Staffel bei großen Meisterschaften erringen konnte (alles im Juniorenbereich). Die letzten großen Erfolge stammen aus 2004, damals war sie 20 Jahre alt. Danach folgte diese enttäuschende Saison 2004/2005, wo sie zwar ihre ersten Weltcup-Rennen bestreiten durfte, aber meist nichts zu bejubeln hatte.

Als wir und das Gepäck dann endlich Platz gefunden haben geht es los Richtung Ruffieu. Ich hatte die französischen Straßen eigentlich nicht in so schlechter Erinnerung … und auch nicht in so kurviger. Annelise's Motto ist : "Immer an sich und seine Träume glauben.". Wenn es nach mir gehen würde, könnte sie ruhig etwas weniger Vertrauen in ihre Fahrkünste haben und auch mal den Fuß vom Gaspedal nehmen. Aber einen toten Frosch und ein fast umgefahrenes Baustellen-Schild später ("Das war da vorhin noch nicht !") bin ich schließlich immer noch unversehrt, also scheint ihr Motto ja zu stimmen.

Auch ihre erste Langlaufsaison ist ein Beweis dafür. Zwar verlief die Integration in das Langlauf-Team unproblematisch, aber ihre Saison dann "sehr durchschnittlich".
"Ich hatte zuviel trainiert. Mein Körper war müde und deshalb hat es keinen Spaß mehr gemacht. Die Rennen waren wahnsinnig hart. So etwas hatte ich noch nie zuvor erlebt." Außerdem vermisste sie etwas : "Am Anfang hat mir das Schießen nicht gefehlt, aber im Winter musste ich das Gewehr wieder in die Hände nehmen und ich habe wieder ein paar nationale Biathlonrennen bestritten.".
Und am Ende der Saison gab es endlich wieder positives Erlebnis ! "Die Militärweltmeisterschaften waren toll ! Ich hatte mich gut vorbereitet, es hat Spaß gemacht und meine Rennen liefen gut. Die Stimmung war enorm und die Leute super nett. Ich habe es geliebt !" Nicht zuletzt wegen einmal Gold (Mannschaft im Langlauf), einmal Bronze (Patrouillenlauf) und dem Sieg in der Nationenwertung für Frankreich.

9 Monate nach meinem nächtlichen Erlebnis auf den engen Straßen Frankreichs unterhalte ich mich mit Annelise über ihre Ziele und Wünsche für die nächste Saison. Entgegen dem Trend im Langlauf will sie sich nicht spezialisieren, aber natürlich hat sie eine Lieblingsdistanz : "10km Massenstart im freien Stil, weil ich Skating bevorzuge und auch besser kann. Außerdem ist man im Massenstart motivierter und es ist sowohl für die Läufer, als auch für die Zuschauer spektakulärer.". Die Nach-Olympische Saison wird sie in den USA verbringen, um in Colorado Wirtschaft, Marketing und Kommunikation zu studieren und "die Universität bei den Langlaufrennen zu repräsentieren, wo sich die Teams verschiedener Unis gegenüberstehen und für die Ehre kämpfen.".

Außerdem ist man in Colorado Vancouver, dem Austragungsort der nächsten Olympischen Spiele, zumindest geographisch einen Schritt näher. Während der Spiele in Turin war es für sie kein Problem nur als Zuschauer dort zu sein. "Ich war auf der Seite der Zuschauer gut aufgehoben, denn ich hatte die Chance meine Freunde und meine Schwester anzufeuern." Hier kommt wieder ihre optimistische Seite zum Vorschein und mit 23 Jahren hat sie auch noch genug Zeit für Olympia.

Aber ist es denn nicht schwer immer nur die kleine Schwester von Sandrine Bailly zu sein, will ich wissen. "Das ist kein Problem.", antwortet sie mir, "man muss es einfach akzeptieren und seinen eigenen Weg gehen. Das ist nicht offensichtlich, aber ich habe mich daran gewöhnt. Irgendwie ist es ja das Schicksal aller kleinen Schwestern."
Sandrine hat den Traum gehabt mit ihr und dem kleinen Bruder Sylvain eine Mixed-Staffel zu laufen. Da die beiden aber nun ihre "eigenen Wege gehen" und zum Langlauf gewechselt sind, ist die Erfüllung des Traumes in weite Ferne gerückt. Es sei denn man holt sie rüber … "Ich glaube nicht, dass sie damit einverstanden wäre ! Und Biathlon ist ja ein schöner Sport, also wird man sich vielleicht im Biathlon wieder finden !!"
Anne Gassner